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Brit Milah # Taufe | Bar-Mizwa # Konfirmation

Denkanstoß im Juni

Ritual für das Leben: Brit Milah beziehungsweise Taufe
Freude am Erwachsenwerden: Bar-Mizwa beziehungsweise Konfirmation

Die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt gehört mit der Sabbatheiligung und koscherem Essen seit dem Altertum zu den herausragenden Merkmalen jüdischer Lebensweise. Sie ist sichtbares Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel. Nach biblischer Überlieferung wurde sie bereits Abraham geboten, später von seinen Nachfahren auch in Zeiten von Verbot und Verfolgung hochgehalten. Sie geschieht quer durch alle Richtungen im Judentum im Rahmen eines  altehrwürdigen Ritus, der von Lob und Dankbarkeit für Bund und Bundeszeichen bestimmt ist.

Mit dem Vollzug der Beschneidung nimmt der Vater die erste der Pflichten wahr, die ihm gegenüber seinem Sohn obliegen. Der Beschneider (Mohél), der den Akt vollzieht, vertritt den Vater lediglich aufgrund seiner Befähigung zu einer rituell und medizinisch einwandfreien Handlung. Während der Mohél das Kind beschneidet, dankt er Gott für die Gabe dieses Gebotes, und der Vater schließt sich ihm mit dem Segensspruch an: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns befohlen, den Sohn in den Bund unseres Vaters Abraham aufzunehmen.“ Weitere Segenssprüche, sodann die Verkündung des Namens des Kindes und ein Festmahl bilden die übrigen tragenden Elemente des Ritus. Ihm folgen später als nächste Elternpflichten die religiöse Unterweisung des Kindes und die Vorbereitung zu seinem Bar Mizwa im Alter von dreizehn Jahren. Mit diesem unserer Konfirmation vergleichbaren Ritus wird ein Junge religionsgesetzlich volljährig und übernimmt die religiösen Rechte und Pflichten eines Erwachsenen.

Von Hause aus gehören Beschneidung und Taufe nicht näher zusammen. Denn anders als die Beschneidung wurde die Taufe in der Anfangszeit des Christentums und bis weit in die ersten Jahrhunderte hinein an Erwachsenen und nicht an Kindern vollzogen. Die Taufe geschah erst nach einer längeren Unterweisung. Während dieser Zeit duften die sogenannten Katechumenen, das heißt „die Unterwiesenen“, an dem ersten Teil des Gottesdienstes mit seiner Wortverkündigung teilnehmen, nicht jedoch am Ritus der Eucharistie, des Abendmahls. Zu diesem zentralen Teil hatten sie vielmehr erst nach ihrer Taufe Zutritt.

Ein beliebter Zeitpunkt für die Taufe der Katechumenen und die anschließende Teilnahme am Abendmahl wurde im Laufe der Zeit die Osternacht. In ihr wurde  die Auferstehung Jesu vom Tod ins Leben gefeiert, und so schien der rituelle Wechsel von dem alten, gottfernen Leben außerhalb der Kirche zum neuen, an Jesus Christus orientierten Leben in dieser Nacht seinen angemessenen Ort zu haben.

Unerwartet hat sich die Taufe im Laufe der Zeit dann doch in bestimmtem Sinne an das Verständnis der Beschneidung angeglichen. Vom 4. Jahrhundert an, als mehr und mehr Menschen in das nun nicht mehr verbotene Christentum strömten, begann sich auch der Brauch der Kindertaufe nach und nach in der Kirche einzubürgern. Damit ergaben sich wie von selbst bestimmte Entsprechungen zwischen Beschneidung und Taufe.  Beide Male gehören die Kinder von Geburt an zu der religiösen Gemeinschaft, in die sie hineingeboren werden. Und doch wird an beiden, im Judentum an den Jungen, im Christentum an Mädchen und Jungen, kurze Zeit nach ihrer Geburt ein Akt vollzogen, durch den sie sichtbar, verbindlich und mit Dank in diese Gemeinschaft aufgenommen werden.

Im Rahmen dieser Neuorientierung der Taufe kann dann auch an jenen biblischen Text angeknüpft werden, in dem die Beschneidung als Zeichen für die Aufnahme in den Bund mit Gott geboten wird. Doch wird nun nicht die Beschneidung, sondern, wie in dem bekannten Lied „Ich bin getauft auf deinen Namen“, die Taufe als Zeichen für die Aufnahme in den Bund mit Gott bezeichnet.

Zusammen mit dem Brauch der Kindertaufe hat sich auch eine Entsprechung zum Bar Mizwa eingebürgert, in der katholischen Kirche durch die Firmung, in der evangelischen Kirche durch die Konfirmation von Jungen und Mädchen. Und es hat in diesem Bereich eine Annäherung auch auf jüdischer Seite gegeben. So ist im Reformjudentum im 19. Jahrhundert neben den Bar Mizwa eine Bat Mizwa, d.h. ein entsprechender Akt auch für Mädchen, getreten und dieser Ritus als „Konfirmation“ von Jungen und Mädchen bezeichnet worden. Dieser Name ist in unserer Zeit nicht beibehalten worden, aber er zeigt doch, wie weit beide Seiten je und dann aufeinander zugehen können.

Prof. Peter von der Osten-Sacken

Monatsplakate #beziehungsweise

Denkanstöße durch das Jahr hindurch

Das Christentum entstand aus dem biblischen Judentum heraus: Jesus war Jude und seine Jüngerinnen und Jünger auch. Gerade bei unseren kirchlichen Festen wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. So z.B. bei Ostern und Pfingsten. Zum Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ regt die ökumenische Kampagne „#beziehungsweise – jüdisch und christlich: näher als du denkst“ im Jahr 2021 dazu an, die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum im Alltag wahrzunehmen. Ab Januar sind zu dieser Aktion wechselnde Plakate in unseren Schaukästen zu sehen. Über den dort markierten QR-Code erhalten Sie weitere Informationen. Auf den Plakaten geht es um die Verwandtschaft zwischen den jüdischen und den christlichen Festen, aber auch um die Eigenheiten der jeweiligen Tradition.

Denkanstoß im Januar

Am Anfang war das Wort

Ab Januar sind zu dieser Aktion wechselnde Plakate in unseren Schaukästen zu sehen. Über den dort markierten QR-Code erhalten Sie weitere Informationen. Auf den Plakaten geht es um die Verwandtschaft zwischen den jüdischen und den christlichen Festen, aber auch um die Eigenheiten der jeweiligen Tradition. Im Januar steht die Bibel im Zentrum. Juden und Christen beziehen sich auf die Hebräische Bibel als Grundlage der eigenen Tradition und lesen und verstehen sie auf je eigene Weise. Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg sagt zur Torah (5 Bücher Mose): „Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen. Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deuteronomium (5. Buch Mose) 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Genesis (1. Buch Mose) 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.“

Vorschau auf Februar und März

Im Februar werden Purim und Karneval zueinander in Beziehung gesetzt und im März Ostern und Pessach. Unterschiede? Jede Menge. Jedoch gibt es immer wieder auch Parallelen und – manchmal an der Oberfläche oder tief verborgen –  Gemeinsamkeiten und überraschende Nähe.

Dr. Ursula Rudnick, Arbeitsfeld Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste, Hannover (leicht geändert: Björn Sellin-Reschke)

 

 

Denkanstoß im Februar

Wir trinken auf das Leben -
Karneval und Purim haben etwas gemeinsam: Einmal im Jahr ist alles anders. 

Eine gute Woche nach Fasching verkleiden sich viele, um das Purimfest zu feiern. Obwohl der Hintergrund von Fasching und die Geschichte von Purim sehr unterschiedlich sind, sind die Bräuche ganz ähnlich: man verkleidet sich, isst, trinkt und tanzt, nimmt an ausgelassenen Veranstaltungen, Umzügen und Maskeraden teil. Die Bilder von Purimumzügen in Tel Aviv, der Rosenmontagszügen im Rheinland, vom Karneval der Superlative in Rio de Janeiro oder des Karnevals in Venedig gleichen sich. 
PURIM: Die Ausgelassenheit von Purim kann nicht verdecken, dass das Fest einen ernsten Hintergrund hat. Deshalb ist das Hören der Esther-Geschichte das wichtigste Gebot des Festes. Dort wird die Geschichte von Purim - die Rettung der Juden in Persien vor etwa 2400 Jahren - erzählt.

Königin Esther
Kurz zusammengefasst lautet die Geschichte folgendermaßen: Esther, eine junge jüdische Frau, wird unter der Aufsicht ihres Vormunds Mordechai zur Königin von Persien. Doch es gibt einen grassierenden Antisemitismus und Haman, der zum Großwesir aufsteigt, plant die Vernichtung der Juden. Esther verbirgt ihre jüdische Identität am Hof, doch in der Not riskiert sie ihr Leben, um ihr Volk zu retten. Sie tritt ohne Erlaubnis vor den König, offenbart ihm ihre wahre Identität und klagt die schrecklichen Absichten des bösen Haman an. Zuvor bat Esther aber die Juden für sie drei Tage lang zu fasten. Später, als die Juden einen Tag vor Purim um ihr Leben kämpften, fasteten sie erneut und beteten. In ihrem Handeln übernimmt Esther Verantwortung für ihre von Mord bedrohten Nächsten. Schließlich wendet sich das Blatt zugunsten der Juden und sie werden gerettet, während Haman und seine Handlanger bestraft werden.

Der Tag vor dem Fest: Esther-Fasten
Der Esther-Erzählung gemäß wurde der Tag, an dem die persischen Juden getötet werden sollten, vom König ausgelost. „Los“ ist die Übersetzung des hebräischen Wortes „Pur“, das womöglich nicht nur hebräischen sondern auch persischen Ursprungs ist. Das Los fiel auf den 13. Tag des jüdischen Monats Adar, der nach gregorianischem Kalender immer ein Tag im Februar oder auch im März ist. Heute erinnert der Brauch des Esther-Fastens an diesen Tag als den Vortag des Purimfestes.

Karneval – Fleisch, lebe wohl
Der Karneval ist eigentlich ein Abschiedsfest. Denn es ist ein Fest, dessen Termin von seinem Ende her bestimmt wird. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dem Glanz und dem Rausch, den Albernheiten und Vergnügungen folgt die Stille der Fastenzeit, die auf Passion und Ostern vorbereitet. Vorbei sind dann die „närrischen Tage“ die regional unter verschiedenen Namen gefeiert werden: Karneval, Fastnacht, Fasnet, oder Fasching.

Das Wort Karneval stammt wahrscheinlich vom Italienischen „carne vale“, was „Fleisch, lebe wohl“ bedeutet und den unmittelbaren Bezug zum christlichen Gebot des Verzichtes auf Fleisch in der Fastenzeit herstellt. Da die Menschen früher in der Fastenzeit auf Vieles verzichten mussten, wurden in den Tagen vor Aschermittwoch die tollen Tage ausgerufen, an denen man nochmal ausgiebig essen, trinken und feiern konnte, das üppige Fest vor der Fastenzeit. 

Die Art der Festlichkeiten hat sich kaum verändert: Mit Tanz, Spiel, Umzügen und Verkleidungen wird in den Tagen vor der Fastenzeit öffentlich die bestehende Ordnung außer Kraft gesetzt und im Gewand des Narren verspottet.

Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch ein staatlich organisiertes Pogrom. Im Karneval werden herrschende Verhältnisse auf den Kopf gestellt, bis am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt. Auf das Leben – L’Chaim, Helau und Prost!

 

Denkanstoß im März

„Dies ist das Brot des Elends, das unsere Väter in Ägypten gegessen haben. Jeder, der hungrig ist, komme und esse. Jeder, der bedürftig ist, komme und feiere das Passafest. Dieses Jahr hier, nächstes Jahr im Lande Israel. Dieses Jahr als Knechte, das nächste Jahr als Freie.“

Mit diesen Worten eröffnet der Familienvater am Vorabend des Passafestes die häusliche Feier, in der Juden des Auszugs ihrer Vorfahren aus Ägypten gedenken. Er hebt dabei eine Schüssel mit ungesäuerten Broten und bestimmten Zutaten empor. Sie sollen an die Umstände des Auszugs erinnern, wie er im 2. Buch Mose geschildert ist, und ersetzen das Passalamm, das seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nicht mehr geopfert werden kann. Vorangegangen ist dem Emporheben der Schale, wie bei festlichen Anlässen üblich, der Segen über einem Becher Wein.

Die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten bestimmt die gesamte Feier, nicht nur ihren Anfang. Das gesellige Miteinander am Beginn des Passsafestes, der sogenannte Sederabend, und die Texte und Lieder, die an ihm aus der Haggada, dem Festbüchlein, gelesen und gesungen werden, sollen die Kinder in den Platz einüben, den sie in der Geschichte ihres Volkes einnehmen. Das, was einst geschah, ist auch ihnen zugute geschehen. Denn ganz Israel einst und jetzt und in künftigen Zeiten existiert nur aufgrund jenes rettenden Geschehens am Anfang seines Weges. Deshalb ist, wie es im Verlauf der Feier heißt, „jedermann verpflichtet, sich so anzusehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen“. Wie sollten die Kinder dieser Pflicht nachkommen, würden sie nicht unterwiesen? Und deshalb, weil diese Einheit der Generationen durch die Geschichte hin besteht, „sind wir“, wie es weiter heißt, „verpflichtet, zu danken, zu preisen, zu bejubeln, zu verherrlichen … den, der an unseren Vätern und an uns allen diese Wunder getan und uns herausgeführt hat aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Festtag, aus der Finsternis zu hellem Licht und aus der Sklaverei zur Erlösung – so wollen wir ihm ein neues Lied singen: Halleluja“. Und nun folgt das sogenannte Hallel, das Gotteslob mit den Psalmen 113–118, das ganz auf diesen Ruf gestimmt ist: „Halleluja! Lobt, ihr Diener des Herrn, lobt den Namen des Herrn. … Halleluja!“ Die sechs Psalmen werden dabei in zwei Teilen vorgetragen. Dazwischen liegt das sättigende Passamahl.

"Halleluja"
Der Ruf „Halleluja“ mit seinem herausgehobenen Platz in der Sederfeier ist wie ein Sesam-öffne-dich, um den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Passa und dem christlichen Ostern zu verstehen. Am schönsten zeigen dies die vielen Osterlieder, die auf den Ton gestimmt sind: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit’. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobet sei Christus Marien Sohn.“ – „Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist. Halleluja …“. Wie am Passafest antwortet an Ostern der Jubel der Gemeinde auf eine rettende Tat Gottes. Am Passafest ist es die Befreiung aus der Sklaverei, an Ostern die Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Und wie an dem Exodus alle Kinder Israel durch die Zeiten hin Anteil haben, so haben Christinnen und Christen teil an dem gekreuzigten und lebendig gemachten Jesus Christus. In der Taufe, die in der Frühzeit des Christentums am Ostermorgen stattfand, werden sie mit ihm zusammengeschlossen, und im Abendmahl wird die Gemeinschaft mit ihm genährt und bekräftigt.

Passafest und Osterfeier
Wie in der jüdischen Passafeier, so steht damit in dem christlichen Osterfest das Geschehen im Mittelpunkt, das die Gemeinde begründet hat, trägt und erhält. Ja mehr noch: Dies Geschehen, das sich mit dem Namen Jesu Christi verbindet, ist unlöslich in der Geschichte des jüdischen Volkes verankert. Nach den Berichten der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas war das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern in der Nacht vor seinem Tod ein Passamahl. Der Apostel Paulus deutet den in den Tod gegebenen Jesus Christus als „unser Passalamm“. Früher hat man gemeint, man müsse dies beides als einander feindliche Deutungen gegeneinanderstellen, das jüdische und das christliche Verständnis des Passa. Heute verstehen wir jüdisches Passa und christliches Ostern mehr als die Feste zweier Geschwister, die verschiedene Ausprägungen gefunden haben, aber aus derselben Wurzel erwachsen sind. So mögen wir auch an diese Geschwisterlichkeit denken, wenn wir zu Ostern singen: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit … Halleluja“.

Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken
 

Denkanstoß im April

Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Ein Mann traf im Hausflur auf einen Nachbarn, der ihn unvermittelt mit den Worten „Geh arbeiten, du Judenschwein!“ beleidigte. Nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung drohte der Nachbar ihm außerdem mit den Worten „Ich bring dich um!“ und trat dem Betroffenen in die Kniekehle, als dieser zurück in seine Wohnung gehen wollte.

In die Fensterscheibe eines Restaurants in Schöneberg, das koschere und israelische Speisen anbietet, wurde ein Hakenkreuz geritzt.

Dies sind nur zwei Beispiele von Antisemitismus in unserer Stadt im vergangenen Jahr. Allein im ersten Halbjahr 2020 wurden der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin insgesamt 410 antisemitische Vorfälle bekannt. Und dies trotz der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie seit Mitte März.

Auch 75 Jahre nach Kriegsende gehört „Du Jude" zu den häufigsten Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen. Der Antisemitismus in Deutschland war nie ausgestorben, er gärte in der alten Bundesrepublik und er war auch in der DDR existent.

Und trotz des Holocaust und aller Anstrengungen von Staat und Gesellschaft, ihm entgegen zu wirken, werden judenfeindliche Stereotype heute in Teilen der Gesellschaft freimütig geäußert. Es gibt sie in vielen Milieus und in unterschiedlicher Ausprägung. Sie verbergen sich hinter falscher Kritik an Israel oder sind aktuell etwa bei der Denunziation von angeblichen Drahtziehern der Coronapolitik lebendig.

Antisemitismus ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Ungefähr 20% der Bevölkerung haben eine latent judenfeindliche Einstellung. Und Antisemitismus kann auch dann vorliegen, wenn kein antisemitisches Weltbild vorhanden ist.

„Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschheit“, so formulierte es der Ökumenische Rat der Kirchen bereits 1948. Seitdem beziehen die Kirchen immer wieder neu Stellung. Denn: „Jesus von Nazareth wird verraten, wenn Glieder des jüdischen Volkes, in dem er zur Welt kam, als Juden missachtet werden.“

Die diesjährige Plakataktion #beziehungsweise jüdisch-christlich – näher als du denkst, weist also mit dem Plakat „Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde“ neben der Notwendigkeit einer fundierten gesellschaftlich-politischen Analyse und einer konsequenten Bekämpfung des Antisemitismus auch auf eine noch tiefere Dimension hin: Antisemitismus ist Sünde.

Sünde ist ihrem biblisch-theologischen Verständnis nach nicht als konkretes Fehlverhalten, das wir einander vorhalten können oder als Verstoß gegen einzelne Lebensweisungen oder Gebote zu betrachten. Vielmehr bezeichnet sie eine fundamentale Störung der Lebensordnung und eine Verfehlung unserer menschlichen Bestimmung. Sünde zeigt sich daran, ob eine Handlung die Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen und die Verbindung mit dem Ursprung unseres Lebens, also Gott, bewahrt oder zerstört. Wenn man vom Antisemitismus spricht, kann man von den Antisemiten nicht schweigen. Ihre Geisteshaltung und ihr Handeln müssen als Sünde benannt werden, weil sie eine Verneinung der Anderen als menschliche Wesen leben, biblisch gesprochen: sie hassen.

Antisemiten können sich einreden, ihr Hass wäre beschränkt auf bestimmte Menschen, aber der Antisemitismus ist eine Sünde, die den ganzen Menschen erfasst. Es gibt keine guten Antisemiten. Es ist nicht möglich, an den einen Gott zu glauben und gleichzeitig die Juden zu hassen.

Eine Umkehr zum Leben kann und wird es mit und in dem Hass des Antisemitismus nicht geben.

Pfarrer Michael Busch

Denkanstoß im Mai

Spirit, der bewegt: Schawuot beziehungsweise Pfingsten

„Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ (Psalm 119,18) In mehr als 170 Versen besingt der Dichter des Psalms 119 die Schönheit und Wichtigkeit des göttlichen Gesetzes, der Tora. Voller Bewunderung singt er das Lied der Weisung, wie Tora auch übersetzt werden kann. Denn jeder Mensch braucht Orientierung, benötigt Kriterien für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Judentum ist diese Orientierung mit der Gabe der Tora gegeben.

Fünfzig Tage nach Pessach, nach der Erinnerung an den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten, wird im Judentum Schawuot gefeiert. Es ist ein Erntefest der Erstlingsfrüchte und zugleich die Erinnerung an die Gabe der Tora am Berg Sinai, neben dem Exodus der zweite fundamentale Fixpunkt in der Geschichte des Volkes Israel. Der Name Schawuot bedeutet „Wochen“ und spielt auf die sieben Wochen zwischen Pessach und dem „Wochenfest“ an, wie Schawuot auch genannt wird.

Wenn die Tora als Gesetz bezeichnet wird, so geht es dabei nicht um eine von außen aufgezwungene Rechtssammlung. Vielmehr wird die Tora erlebt als das Geschenk von Geboten, die dem Leben Sinn und Richtung geben, die helfen, das eigene Leben und das Zusammenleben mit Mitmenschen und mit Gott zu gestalten. Mit der Tora – so bekennt es Mose in Deuteronomium 30,14 ist das Wort Gottes „ganz nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Auch die junge christliche Gemeinde benötigte nach dem Tod und der Auferstehung Jesu neue Orientierung und Inspiration. Die biblischen Schriften Israels waren weiter für sie gültig, aber wie konnten sie ihre Erlebnisse mit Jesus, wie seine Worte und Taten bewahren? Welche Bedeutung konnte Jesus für sie haben, wo er doch anscheinend nicht mehr unter ihnen weilte? 50 Tage nach Ostern – das Wort „Pfingsten“ leitet sich von „fünfzig“ (griechisch: pentekoste) ab – also an Schawuot erlebten die Jüngerinnen und Jünger „plötzlich ein Brausen vom Himmel“ (Apostelgeschichte 2,2). Alle Angst und Unsicherheit war von ihnen gewichen. Vom Heiligen Geist bewegt überbrückten sie selbst alle sprachlichen Barrieren zu ihren Mitmenschen. Von solchen Momenten der Begeisterung können Christinnen und Christen aus allen Zeiten und Orten berichten: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“(Römer 8,26)

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag
Evangelische Kirche von Westfalen, Landeskirchenamt

 

Texte aus jüdischer und christlicher Sicht zum Weiterlesen: Schawuot und Pfingsten

Traditionelle Speisen an Schawuot: In der Tora heißt es: "Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt". Auch bei der Zubereitung der Speisen an Schawuot fließen Milch und Honig. Es gibt vorwiegend Süß- und Milchspeisen, wie Blinzes, Palatschinken, Kreplach, Strudel und Piroggen.