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Jom Kippur # Buße und Abendmahl

Denkanstoß im September

Versöhnung feiern: Jom Kippur beziehungsweise Buße und Abendmahl

Karfreitag ist der Höhepunkt der vorangehenden Fastenzeit, die in der Osternacht beendet wird. Zusammen mit dem Osterfest ist der „Gute Freitag“, wie er im Englischen heißt, der höchste christliche Feiertag. An ihm gedenkt die christliche Gemeinde der bleibend gültigen, sühnenden Hingabe Jesu Christi zur Versöhnung der Menschen mit ihrem Schöpfer und feiert diese Gabe im Abendmahl.

Auch der Jom Kippur ist ein Tag des Fastens und der Sühne. Und auch er bildet den Abschluss einer  umfassenderen Einheit. Sie beginnt mit dem zweitägigen Neujahrsfest und erstreckt  sich über zehn Tage hin bis zum Jom Kippur. In der jüdischen Tradition haben diese zehn Tage zwei verschiedene Namen. Zum einen heißen sie „Die furchterregenden Tage“; denn der Neujahrs¬tag ist der Tag, an dem jedes Jahr das Gericht über die Taten des Menschen im vergangenen Jahr eröffnet wird. Der zweite Name „Die zehn Tage der Umkehr“ aber hält zugleich fest, dass der Gemeinde in diesen Tagen die Möglichkeit geschenkt wird, von verfehlten Wegen umzukehren und damit am Jom Kippur im Buch des Lebens versiegelt zu werden.

Aber wie geschieht die Sühne oder auch die Versöhnung, die dem Jom Kippur seinen Namen gegeben hat? Der Tempel, in dem einst an diesem Tag die Sühne erwirkt und das verletzte Verhältnis des Menschen zu Gott geheilt wurde, steht nicht mehr. Nicht der Hohepriester und die Priester mit ihren Handlungen sind deshalb seither gefordert, sondern jeder Einzelne mit seinem Tun. So heißt es in einem jüdischen Gebet, das am Neujahrsfest von traditionstreuen Jüdinnen und Juden mit besonderer Hingabe gebetet wird: Das Gericht droht, „doch Umkehr, Gebet und Wohltun wenden den schlimmen (Gerichts-)Beschluss ab“.

Die Umkehr und die mit ihr verbundene Sühne vollziehen sich damit durch zweierlei. Auf der Seite des Menschen geschehen sie durch das Bekenntnis der eigenen Verfehlungen und die Bitte um Vergebung, sodann durch die Bereitschaft zur Versöhnung mit dem verfeindeten Nächsten und dadurch, dass man von der eigenen Habe den Bedürftigen abgibt. Vonseiten Gottes wird die Sühne dadurch bewirkt, dass er die Umkehr des Menschen durch die Vergebung der Schuld annimmt und ihm seine verlorene Integrität zurückschenkt.

Einst, in der Zeit der Bibel Israels, des Alten Testaments, wurde am Jom Kippur ein Bock, beladen mit den Sünden des Volkes, in die Wüste fortgeschickt. Im Neuen Testament ist mit Jesus Christus an die Stelle des Tieres ein Mensch getreten  Mit seiner frei gewählten Hingabe am Kreuz verbürgt er sich dafür, dass Gott nicht will, dass wir in unseren Schuldverstrickungen bleiben, sondern von ihnen zu einem neuen Leben befreit werden.

Manche Aussagen, die sich damit im Neuen Testament verbinden, sind uns eher fremd geworden sind. So verkündet Paulus, dass wir in der Taufe durch Jesus Christus der Sünde absterben, und Luther erläutert dies in seinem Kleinen Katechismus, „dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten“.  Aber ob uns gewöhnliche Sterbliche dies nicht überfordert? Vielleicht liegt es auch hieran, dass die Beichte im Unterschied zu früheren Zeiten so selten einen  Platz in unseren Gottesdiensten hat. Es macht deshalb Sinn, wenn es für bestimmte, wichtige Seiten des religiösen Lebens klar umgrenzte Zeiten gibt wie in christlicher Tradition am Bußtag und am Karfreitag und in jüdischer Tradition in den Zehn Tagen der Umkehr.

In dem Verständnis der Umkehr als einem hohen Gut des Lebens vor Gott treffen sich Judentum und Christentum ungeachtet aller Besonderheiten. Nach Martin Luther soll das ganze christliche Leben von Umkehr bestimmt sein. Die jüdische Religion umschließt das hohe Gut der Zehn Tage der Umkehr. Und von Jesus von Nazaret stammt das leuchtende Wort, dass unter den Engeln im Himmel mehr Freude herrscht über jemanden, der umkehrt von seinem verfehlten Weg, als über 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen. Dreimal ein großes Ja zum Leben!
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Prof. Peter von der Osten-Sacken

Monatsplakate #beziehungsweise

Denkanstöße durch das Jahr hindurch

Das Christentum entstand aus dem biblischen Judentum heraus: Jesus war Jude und seine Jüngerinnen und Jünger auch. Gerade bei unseren kirchlichen Festen wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. So z.B. bei Ostern und Pfingsten. Zum Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ regt die ökumenische Kampagne „#beziehungsweise – jüdisch und christlich: näher als du denkst“ im Jahr 2021 dazu an, die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum im Alltag wahrzunehmen. Ab Januar sind zu dieser Aktion wechselnde Plakate in unseren Schaukästen zu sehen. Über den dort markierten QR-Code erhalten Sie weitere Informationen. Auf den Plakaten geht es um die Verwandtschaft zwischen den jüdischen und den christlichen Festen, aber auch um die Eigenheiten der jeweiligen Tradition.

Denkanstoß im Januar

Am Anfang war das Wort

Ab Januar sind zu dieser Aktion wechselnde Plakate in unseren Schaukästen zu sehen. Über den dort markierten QR-Code erhalten Sie weitere Informationen. Auf den Plakaten geht es um die Verwandtschaft zwischen den jüdischen und den christlichen Festen, aber auch um die Eigenheiten der jeweiligen Tradition. Im Januar steht die Bibel im Zentrum. Juden und Christen beziehen sich auf die Hebräische Bibel als Grundlage der eigenen Tradition und lesen und verstehen sie auf je eigene Weise. Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg sagt zur Torah (5 Bücher Mose): „Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen. Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deuteronomium (5. Buch Mose) 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Genesis (1. Buch Mose) 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.“

Vorschau auf Februar und März

Im Februar werden Purim und Karneval zueinander in Beziehung gesetzt und im März Ostern und Pessach. Unterschiede? Jede Menge. Jedoch gibt es immer wieder auch Parallelen und – manchmal an der Oberfläche oder tief verborgen –  Gemeinsamkeiten und überraschende Nähe.

Dr. Ursula Rudnick, Arbeitsfeld Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste, Hannover (leicht geändert: Björn Sellin-Reschke)

 

 

Denkanstoß im Februar

Wir trinken auf das Leben -
Karneval und Purim haben etwas gemeinsam: Einmal im Jahr ist alles anders. 

Eine gute Woche nach Fasching verkleiden sich viele, um das Purimfest zu feiern. Obwohl der Hintergrund von Fasching und die Geschichte von Purim sehr unterschiedlich sind, sind die Bräuche ganz ähnlich: man verkleidet sich, isst, trinkt und tanzt, nimmt an ausgelassenen Veranstaltungen, Umzügen und Maskeraden teil. Die Bilder von Purimumzügen in Tel Aviv, der Rosenmontagszügen im Rheinland, vom Karneval der Superlative in Rio de Janeiro oder des Karnevals in Venedig gleichen sich. 
PURIM: Die Ausgelassenheit von Purim kann nicht verdecken, dass das Fest einen ernsten Hintergrund hat. Deshalb ist das Hören der Esther-Geschichte das wichtigste Gebot des Festes. Dort wird die Geschichte von Purim - die Rettung der Juden in Persien vor etwa 2400 Jahren - erzählt.

Königin Esther
Kurz zusammengefasst lautet die Geschichte folgendermaßen: Esther, eine junge jüdische Frau, wird unter der Aufsicht ihres Vormunds Mordechai zur Königin von Persien. Doch es gibt einen grassierenden Antisemitismus und Haman, der zum Großwesir aufsteigt, plant die Vernichtung der Juden. Esther verbirgt ihre jüdische Identität am Hof, doch in der Not riskiert sie ihr Leben, um ihr Volk zu retten. Sie tritt ohne Erlaubnis vor den König, offenbart ihm ihre wahre Identität und klagt die schrecklichen Absichten des bösen Haman an. Zuvor bat Esther aber die Juden für sie drei Tage lang zu fasten. Später, als die Juden einen Tag vor Purim um ihr Leben kämpften, fasteten sie erneut und beteten. In ihrem Handeln übernimmt Esther Verantwortung für ihre von Mord bedrohten Nächsten. Schließlich wendet sich das Blatt zugunsten der Juden und sie werden gerettet, während Haman und seine Handlanger bestraft werden.

Der Tag vor dem Fest: Esther-Fasten
Der Esther-Erzählung gemäß wurde der Tag, an dem die persischen Juden getötet werden sollten, vom König ausgelost. „Los“ ist die Übersetzung des hebräischen Wortes „Pur“, das womöglich nicht nur hebräischen sondern auch persischen Ursprungs ist. Das Los fiel auf den 13. Tag des jüdischen Monats Adar, der nach gregorianischem Kalender immer ein Tag im Februar oder auch im März ist. Heute erinnert der Brauch des Esther-Fastens an diesen Tag als den Vortag des Purimfestes.

Karneval – Fleisch, lebe wohl
Der Karneval ist eigentlich ein Abschiedsfest. Denn es ist ein Fest, dessen Termin von seinem Ende her bestimmt wird. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dem Glanz und dem Rausch, den Albernheiten und Vergnügungen folgt die Stille der Fastenzeit, die auf Passion und Ostern vorbereitet. Vorbei sind dann die „närrischen Tage“ die regional unter verschiedenen Namen gefeiert werden: Karneval, Fastnacht, Fasnet, oder Fasching.

Das Wort Karneval stammt wahrscheinlich vom Italienischen „carne vale“, was „Fleisch, lebe wohl“ bedeutet und den unmittelbaren Bezug zum christlichen Gebot des Verzichtes auf Fleisch in der Fastenzeit herstellt. Da die Menschen früher in der Fastenzeit auf Vieles verzichten mussten, wurden in den Tagen vor Aschermittwoch die tollen Tage ausgerufen, an denen man nochmal ausgiebig essen, trinken und feiern konnte, das üppige Fest vor der Fastenzeit. 

Die Art der Festlichkeiten hat sich kaum verändert: Mit Tanz, Spiel, Umzügen und Verkleidungen wird in den Tagen vor der Fastenzeit öffentlich die bestehende Ordnung außer Kraft gesetzt und im Gewand des Narren verspottet.

Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch ein staatlich organisiertes Pogrom. Im Karneval werden herrschende Verhältnisse auf den Kopf gestellt, bis am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt. Auf das Leben – L’Chaim, Helau und Prost!

 

Denkanstoß im März

„Dies ist das Brot des Elends, das unsere Väter in Ägypten gegessen haben. Jeder, der hungrig ist, komme und esse. Jeder, der bedürftig ist, komme und feiere das Passafest. Dieses Jahr hier, nächstes Jahr im Lande Israel. Dieses Jahr als Knechte, das nächste Jahr als Freie.“

Mit diesen Worten eröffnet der Familienvater am Vorabend des Passafestes die häusliche Feier, in der Juden des Auszugs ihrer Vorfahren aus Ägypten gedenken. Er hebt dabei eine Schüssel mit ungesäuerten Broten und bestimmten Zutaten empor. Sie sollen an die Umstände des Auszugs erinnern, wie er im 2. Buch Mose geschildert ist, und ersetzen das Passalamm, das seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nicht mehr geopfert werden kann. Vorangegangen ist dem Emporheben der Schale, wie bei festlichen Anlässen üblich, der Segen über einem Becher Wein.

Die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten bestimmt die gesamte Feier, nicht nur ihren Anfang. Das gesellige Miteinander am Beginn des Passsafestes, der sogenannte Sederabend, und die Texte und Lieder, die an ihm aus der Haggada, dem Festbüchlein, gelesen und gesungen werden, sollen die Kinder in den Platz einüben, den sie in der Geschichte ihres Volkes einnehmen. Das, was einst geschah, ist auch ihnen zugute geschehen. Denn ganz Israel einst und jetzt und in künftigen Zeiten existiert nur aufgrund jenes rettenden Geschehens am Anfang seines Weges. Deshalb ist, wie es im Verlauf der Feier heißt, „jedermann verpflichtet, sich so anzusehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen“. Wie sollten die Kinder dieser Pflicht nachkommen, würden sie nicht unterwiesen? Und deshalb, weil diese Einheit der Generationen durch die Geschichte hin besteht, „sind wir“, wie es weiter heißt, „verpflichtet, zu danken, zu preisen, zu bejubeln, zu verherrlichen … den, der an unseren Vätern und an uns allen diese Wunder getan und uns herausgeführt hat aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Festtag, aus der Finsternis zu hellem Licht und aus der Sklaverei zur Erlösung – so wollen wir ihm ein neues Lied singen: Halleluja“. Und nun folgt das sogenannte Hallel, das Gotteslob mit den Psalmen 113–118, das ganz auf diesen Ruf gestimmt ist: „Halleluja! Lobt, ihr Diener des Herrn, lobt den Namen des Herrn. … Halleluja!“ Die sechs Psalmen werden dabei in zwei Teilen vorgetragen. Dazwischen liegt das sättigende Passamahl.

"Halleluja"
Der Ruf „Halleluja“ mit seinem herausgehobenen Platz in der Sederfeier ist wie ein Sesam-öffne-dich, um den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Passa und dem christlichen Ostern zu verstehen. Am schönsten zeigen dies die vielen Osterlieder, die auf den Ton gestimmt sind: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit’. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobet sei Christus Marien Sohn.“ – „Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist. Halleluja …“. Wie am Passafest antwortet an Ostern der Jubel der Gemeinde auf eine rettende Tat Gottes. Am Passafest ist es die Befreiung aus der Sklaverei, an Ostern die Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Und wie an dem Exodus alle Kinder Israel durch die Zeiten hin Anteil haben, so haben Christinnen und Christen teil an dem gekreuzigten und lebendig gemachten Jesus Christus. In der Taufe, die in der Frühzeit des Christentums am Ostermorgen stattfand, werden sie mit ihm zusammengeschlossen, und im Abendmahl wird die Gemeinschaft mit ihm genährt und bekräftigt.

Passafest und Osterfeier
Wie in der jüdischen Passafeier, so steht damit in dem christlichen Osterfest das Geschehen im Mittelpunkt, das die Gemeinde begründet hat, trägt und erhält. Ja mehr noch: Dies Geschehen, das sich mit dem Namen Jesu Christi verbindet, ist unlöslich in der Geschichte des jüdischen Volkes verankert. Nach den Berichten der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas war das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern in der Nacht vor seinem Tod ein Passamahl. Der Apostel Paulus deutet den in den Tod gegebenen Jesus Christus als „unser Passalamm“. Früher hat man gemeint, man müsse dies beides als einander feindliche Deutungen gegeneinanderstellen, das jüdische und das christliche Verständnis des Passa. Heute verstehen wir jüdisches Passa und christliches Ostern mehr als die Feste zweier Geschwister, die verschiedene Ausprägungen gefunden haben, aber aus derselben Wurzel erwachsen sind. So mögen wir auch an diese Geschwisterlichkeit denken, wenn wir zu Ostern singen: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit … Halleluja“.

Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken
 

Denkanstoß im April

Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Ein Mann traf im Hausflur auf einen Nachbarn, der ihn unvermittelt mit den Worten „Geh arbeiten, du Judenschwein!“ beleidigte. Nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung drohte der Nachbar ihm außerdem mit den Worten „Ich bring dich um!“ und trat dem Betroffenen in die Kniekehle, als dieser zurück in seine Wohnung gehen wollte.

In die Fensterscheibe eines Restaurants in Schöneberg, das koschere und israelische Speisen anbietet, wurde ein Hakenkreuz geritzt.

Dies sind nur zwei Beispiele von Antisemitismus in unserer Stadt im vergangenen Jahr. Allein im ersten Halbjahr 2020 wurden der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin insgesamt 410 antisemitische Vorfälle bekannt. Und dies trotz der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie seit Mitte März.

Auch 75 Jahre nach Kriegsende gehört „Du Jude" zu den häufigsten Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen. Der Antisemitismus in Deutschland war nie ausgestorben, er gärte in der alten Bundesrepublik und er war auch in der DDR existent.

Und trotz des Holocaust und aller Anstrengungen von Staat und Gesellschaft, ihm entgegen zu wirken, werden judenfeindliche Stereotype heute in Teilen der Gesellschaft freimütig geäußert. Es gibt sie in vielen Milieus und in unterschiedlicher Ausprägung. Sie verbergen sich hinter falscher Kritik an Israel oder sind aktuell etwa bei der Denunziation von angeblichen Drahtziehern der Coronapolitik lebendig.

Antisemitismus ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Ungefähr 20% der Bevölkerung haben eine latent judenfeindliche Einstellung. Und Antisemitismus kann auch dann vorliegen, wenn kein antisemitisches Weltbild vorhanden ist.

„Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschheit“, so formulierte es der Ökumenische Rat der Kirchen bereits 1948. Seitdem beziehen die Kirchen immer wieder neu Stellung. Denn: „Jesus von Nazareth wird verraten, wenn Glieder des jüdischen Volkes, in dem er zur Welt kam, als Juden missachtet werden.“

Die diesjährige Plakataktion #beziehungsweise jüdisch-christlich – näher als du denkst, weist also mit dem Plakat „Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde“ neben der Notwendigkeit einer fundierten gesellschaftlich-politischen Analyse und einer konsequenten Bekämpfung des Antisemitismus auch auf eine noch tiefere Dimension hin: Antisemitismus ist Sünde.

Sünde ist ihrem biblisch-theologischen Verständnis nach nicht als konkretes Fehlverhalten, das wir einander vorhalten können oder als Verstoß gegen einzelne Lebensweisungen oder Gebote zu betrachten. Vielmehr bezeichnet sie eine fundamentale Störung der Lebensordnung und eine Verfehlung unserer menschlichen Bestimmung. Sünde zeigt sich daran, ob eine Handlung die Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen und die Verbindung mit dem Ursprung unseres Lebens, also Gott, bewahrt oder zerstört. Wenn man vom Antisemitismus spricht, kann man von den Antisemiten nicht schweigen. Ihre Geisteshaltung und ihr Handeln müssen als Sünde benannt werden, weil sie eine Verneinung der Anderen als menschliche Wesen leben, biblisch gesprochen: sie hassen.

Antisemiten können sich einreden, ihr Hass wäre beschränkt auf bestimmte Menschen, aber der Antisemitismus ist eine Sünde, die den ganzen Menschen erfasst. Es gibt keine guten Antisemiten. Es ist nicht möglich, an den einen Gott zu glauben und gleichzeitig die Juden zu hassen.

Eine Umkehr zum Leben kann und wird es mit und in dem Hass des Antisemitismus nicht geben.

Pfarrer Michael Busch

Denkanstoß im Mai

Spirit, der bewegt: Schawuot beziehungsweise Pfingsten

„Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ (Psalm 119,18) In mehr als 170 Versen besingt der Dichter des Psalms 119 die Schönheit und Wichtigkeit des göttlichen Gesetzes, der Tora. Voller Bewunderung singt er das Lied der Weisung, wie Tora auch übersetzt werden kann. Denn jeder Mensch braucht Orientierung, benötigt Kriterien für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Judentum ist diese Orientierung mit der Gabe der Tora gegeben.

Fünfzig Tage nach Pessach, nach der Erinnerung an den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten, wird im Judentum Schawuot gefeiert. Es ist ein Erntefest der Erstlingsfrüchte und zugleich die Erinnerung an die Gabe der Tora am Berg Sinai, neben dem Exodus der zweite fundamentale Fixpunkt in der Geschichte des Volkes Israel. Der Name Schawuot bedeutet „Wochen“ und spielt auf die sieben Wochen zwischen Pessach und dem „Wochenfest“ an, wie Schawuot auch genannt wird.

Wenn die Tora als Gesetz bezeichnet wird, so geht es dabei nicht um eine von außen aufgezwungene Rechtssammlung. Vielmehr wird die Tora erlebt als das Geschenk von Geboten, die dem Leben Sinn und Richtung geben, die helfen, das eigene Leben und das Zusammenleben mit Mitmenschen und mit Gott zu gestalten. Mit der Tora – so bekennt es Mose in Deuteronomium 30,14 ist das Wort Gottes „ganz nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Auch die junge christliche Gemeinde benötigte nach dem Tod und der Auferstehung Jesu neue Orientierung und Inspiration. Die biblischen Schriften Israels waren weiter für sie gültig, aber wie konnten sie ihre Erlebnisse mit Jesus, wie seine Worte und Taten bewahren? Welche Bedeutung konnte Jesus für sie haben, wo er doch anscheinend nicht mehr unter ihnen weilte? 50 Tage nach Ostern – das Wort „Pfingsten“ leitet sich von „fünfzig“ (griechisch: pentekoste) ab – also an Schawuot erlebten die Jüngerinnen und Jünger „plötzlich ein Brausen vom Himmel“ (Apostelgeschichte 2,2). Alle Angst und Unsicherheit war von ihnen gewichen. Vom Heiligen Geist bewegt überbrückten sie selbst alle sprachlichen Barrieren zu ihren Mitmenschen. Von solchen Momenten der Begeisterung können Christinnen und Christen aus allen Zeiten und Orten berichten: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“(Römer 8,26)

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag
Evangelische Kirche von Westfalen, Landeskirchenamt

 

Texte aus jüdischer und christlicher Sicht zum Weiterlesen: Schawuot und Pfingsten

Traditionelle Speisen an Schawuot: In der Tora heißt es: "Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt". Auch bei der Zubereitung der Speisen an Schawuot fließen Milch und Honig. Es gibt vorwiegend Süß- und Milchspeisen, wie Blinzes, Palatschinken, Kreplach, Strudel und Piroggen.

Denkanstoß im Juni

Ritual für das Leben: Brit Milah beziehungsweise Taufe
Freude am Erwachsenwerden: Bar-Mizwa beziehungsweise Konfirmation

Die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt gehört mit der Sabbatheiligung und koscherem Essen seit dem Altertum zu den herausragenden Merkmalen jüdischer Lebensweise. Sie ist sichtbares Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel. Nach biblischer Überlieferung wurde sie bereits Abraham geboten, später von seinen Nachfahren auch in Zeiten von Verbot und Verfolgung hochgehalten. Sie geschieht quer durch alle Richtungen im Judentum im Rahmen eines  altehrwürdigen Ritus, der von Lob und Dankbarkeit für Bund und Bundeszeichen bestimmt ist.

Mit dem Vollzug der Beschneidung nimmt der Vater die erste der Pflichten wahr, die ihm gegenüber seinem Sohn obliegen. Der Beschneider (Mohél), der den Akt vollzieht, vertritt den Vater lediglich aufgrund seiner Befähigung zu einer rituell und medizinisch einwandfreien Handlung. Während der Mohél das Kind beschneidet, dankt er Gott für die Gabe dieses Gebotes, und der Vater schließt sich ihm mit dem Segensspruch an: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns befohlen, den Sohn in den Bund unseres Vaters Abraham aufzunehmen.“ Weitere Segenssprüche, sodann die Verkündung des Namens des Kindes und ein Festmahl bilden die übrigen tragenden Elemente des Ritus. Ihm folgen später als nächste Elternpflichten die religiöse Unterweisung des Kindes und die Vorbereitung zu seinem Bar Mizwa im Alter von dreizehn Jahren. Mit diesem unserer Konfirmation vergleichbaren Ritus wird ein Junge religionsgesetzlich volljährig und übernimmt die religiösen Rechte und Pflichten eines Erwachsenen.

Von Hause aus gehören Beschneidung und Taufe nicht näher zusammen. Denn anders als die Beschneidung wurde die Taufe in der Anfangszeit des Christentums und bis weit in die ersten Jahrhunderte hinein an Erwachsenen und nicht an Kindern vollzogen. Die Taufe geschah erst nach einer längeren Unterweisung. Während dieser Zeit duften die sogenannten Katechumenen, das heißt „die Unterwiesenen“, an dem ersten Teil des Gottesdienstes mit seiner Wortverkündigung teilnehmen, nicht jedoch am Ritus der Eucharistie, des Abendmahls. Zu diesem zentralen Teil hatten sie vielmehr erst nach ihrer Taufe Zutritt.

Ein beliebter Zeitpunkt für die Taufe der Katechumenen und die anschließende Teilnahme am Abendmahl wurde im Laufe der Zeit die Osternacht. In ihr wurde  die Auferstehung Jesu vom Tod ins Leben gefeiert, und so schien der rituelle Wechsel von dem alten, gottfernen Leben außerhalb der Kirche zum neuen, an Jesus Christus orientierten Leben in dieser Nacht seinen angemessenen Ort zu haben.

Unerwartet hat sich die Taufe im Laufe der Zeit dann doch in bestimmtem Sinne an das Verständnis der Beschneidung angeglichen. Vom 4. Jahrhundert an, als mehr und mehr Menschen in das nun nicht mehr verbotene Christentum strömten, begann sich auch der Brauch der Kindertaufe nach und nach in der Kirche einzubürgern. Damit ergaben sich wie von selbst bestimmte Entsprechungen zwischen Beschneidung und Taufe.  Beide Male gehören die Kinder von Geburt an zu der religiösen Gemeinschaft, in die sie hineingeboren werden. Und doch wird an beiden, im Judentum an den Jungen, im Christentum an Mädchen und Jungen, kurze Zeit nach ihrer Geburt ein Akt vollzogen, durch den sie sichtbar, verbindlich und mit Dank in diese Gemeinschaft aufgenommen werden.

Im Rahmen dieser Neuorientierung der Taufe kann dann auch an jenen biblischen Text angeknüpft werden, in dem die Beschneidung als Zeichen für die Aufnahme in den Bund mit Gott geboten wird. Doch wird nun nicht die Beschneidung, sondern, wie in dem bekannten Lied „Ich bin getauft auf deinen Namen“, die Taufe als Zeichen für die Aufnahme in den Bund mit Gott bezeichnet.

Zusammen mit dem Brauch der Kindertaufe hat sich auch eine Entsprechung zum Bar Mizwa eingebürgert, in der katholischen Kirche durch die Firmung, in der evangelischen Kirche durch die Konfirmation von Jungen und Mädchen. Und es hat in diesem Bereich eine Annäherung auch auf jüdischer Seite gegeben. So ist im Reformjudentum im 19. Jahrhundert neben den Bar Mizwa eine Bat Mizwa, d.h. ein entsprechender Akt auch für Mädchen, getreten und dieser Ritus als „Konfirmation“ von Jungen und Mädchen bezeichnet worden. Dieser Name ist in unserer Zeit nicht beibehalten worden, aber er zeigt doch, wie weit beide Seiten je und dann aufeinander zugehen können.

Prof. Peter von der Osten-Sacken

Denkanstoß im Juli

Auszeit vom Alltag: Schabbat beziehungsweise Sonntag

Wenn am Samstag um 18 Uhr die Glocken läuteten, musste der breite Gehweg vor Haus und Grundstück gefegt sein. Denn sie läuteten den Sonntag ein, und am Sonntag war jede öffentliche Arbeit verboten. So hat es sich dem Jugendlichen von weither eingeprägt. Beides, der Beginn des Feiertages am Abend vorher und das Arbeitsverbot an Sonn- und Feiertagen sind Bräuche, die die Kirchen aus biblisch-jüdischer Tradition übernommen haben. Diese Übernahme war schwieriger, als man denken mag. Denn das Gebot der Heiligung des siebenten Tages ist Teil der Zehn Gebote im 2. Buch Mose, und es lautet dort: „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen.“ Sollten die Kirchen damit nicht diesen Tag als herausragenden Tag zur Ehre Gottes begehen?

Martin Luther hat das Problem geradezu elegant gelöst. Er hat die Zeitangabe „Sabbattag“ mit „Feiertag“ übersetzt und damit die Möglichkeit geschaffen, das Gebot auf den christlichen Sonntag, den ersten Tag nach dem Sabbat, zu beziehen. In den alten Sprachen Griechisch und Latein und auch noch heute in romanischen Sprachen wie Fanzösisch und Spanisch ist der „Sabbattag“ in den Zehn Geboten nicht in ein anderes Wort übertragen, sondern als Fremdwort erhalten geblieben. Die Zehn Gebote gebieten dort nicht die Ehrung des Sonntags oder irgendeines anderen Feiertages, sondern die des Sabbats, in unserem Sprachgebrauch des Samstags. Damit übereinstimmend haben sich manche christlichen Kreise in den ersten Jahrhunderten und zum Teil auch noch später in Treue zu einem wörtlichen Verständnis der Bibel damit schwergetan, das Gebot der Sabbatheiligung auf den Sonntag zu beziehen. Sie haben deshalb beide Tage hochgehalten. Sie feierten den Sabbat wie die Juden zur Erinnerung an die Schöpfung der Welt, heißt es doch auf den ersten Seiten der Bibel, dass Gott sie vollendete, indem er den siebenten Tag segnete und an ihm von aller Arbeit ruhte. Und sie feierten den Sonntag zum Gedenken an die Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche.

Bestimmend geworden ist freilich im Laufe der Zeit nicht ein schiedlich-friedliches Nebeneinander von Sabbat und Sonntag. Vielmehr gewann in christlichem Denken und Reden die Abgrenzung beider Tage die Oberhand. Je länger sich Kirche und Synagoge auseinanderlebten, je mehr attackierte man christlicherseits die sorgfältige und gewissenhafte jüdische Beobachtung des Sabbatgebotes. Man sah sie als Ausdruck eines verfehlten Gottesverhältnisses an, so als wollten sich Juden durch die Befolgung dieses und anderer Gebote den Himmel verdienen. Zum Teil geht diese Polemik bis auf das Neue Testament zurück. Im Rahmen solcher Kritik kommt nur zu oft gar nicht erst in den Blick, dass es vieler und immer neuer Überlegungen bedarf, um herauszufinden und festzusetzen, was es heißt, an diesem einen Tag der Woche nicht zu arbeiten, sondern von aller Arbeit auszuruhen. Wo beginnt eine Verrichtung, die als Arbeit anzusehen ist, und wann ist das Arbeitsverbot gegebenenfalls außer Kraft gesetzt? Schon vor zweitausend Jahren haben jüdische Rechts- und Gesetzeslehrer hierzu eine weitreichende Entscheidung getroffen. Dann, wenn für jemanden Lebensgefahr besteht, ist das Arbeitsverbot außer Kraft gesetzt: „Lebensgefahr verdrängt den Sabbat.“

Ganz anders als im Spiegel christlicher Polemik sieht die Welt des Sabbats aus, wenn man sie aus einer Innenansicht betrachtet. Orthodoxe und auch weniger traditionsgebundene jüdische Zeitgenossen haben oft veranschaulicht, was ihnen die Sabbatruhe bedeutet hat und bedeutet. Zu den besonders eindrücklichen Aussagen gehört die eines Autors, der seine Erfahrungen der völligen Ruhe und Muße jenseits aller Hektik in den Satz gefasst hat: „25 Stunden Paradies“, die 24 Stunden des Sabbats plus zweimal eine halbe Stunde als Pufferzone. Aber auch der Leitsatz in einem alten Sabbat-Gedicht vermittelt viel von dem Geist des Tages: Man solle den Sabbat feiern, als wenn alle Werke getan seien.

Es ist ein schönes Zeichen eines neuen Verhältnisses von Christinnen und Christen zur jüdischen Gemeinschaft, dass in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Bewegung in das christliche Verhältnis zum Schabbat gekommen ist. Kirchliche Institutionen haben in Erklärungen und Arbeitshilfen begonnen, den Sonntag als Feiertag mit neuem Leben zu füllen. Und sie haben dabei nicht wenige Anleihen bei dem jüdischen Verständnis des Sabbats gemacht. Sie haben ihn als Tag der Freiheit von den Zwängen der Arbeit, als Tag der Muße und der Freude sich selbst und anderen zugute und als Tag der Besinnung auf die Gaben des Schöpfers in Erinnerung gebracht.

Prof. Peter von der Osten-Sacken

Denkanstoß im August

Verbunden im Gedenken: Tischa B’Av beziehungsweise Israelsonntag

Hier lässt der Schöpfer der Welt und Gott Israels seinen Namen wohnen. Hier ist er gegenwärtig in seinem Volk. Hier erwirkt er durch den Opferdienst der Priester Sühne für die, die von ihren Verfehlungen umkehren. Hier schafft er so neues Leben. Dieser kostbare Ort ist der Tempel in Jerusalem, erbaut im 6. Jahrhundert v.Chr., aufs Prächtigste erneuert von König Herodes und eine der Sehenswürdigkeiten der Alten Welt. Am 9. Av des jüdischen Kalenders, einem Tag im August des Jahres 70 n.Chr., geht er in Flammen auf und damit all das, wofür er steht. Am Ende des ersten jüdischen Krieges gegen die römische Besatzungsmacht hat Titus, Sohn des römischen Kaisers Vespasian und später selber Herrscher in Rom, das Zentrum der jüdischen Welt erobert und zerstört.

So tief hat sich dieses Datum in das Bewusstsein des jüdischen Volkes eingegraben, dass im Laufe der Zeit vergleichbare Ereignisse auf dieses Datum verlegt wurden: so die Zerstörung des ersten Tempels im Jahr 586 v.Chr. durch den babylonischen König Nebukadnezar, die verheerende Niederlage der Juden im zweiten jüdischen Krieg gegen Rom im Jahr 135 n.Chr. und die Beschlüsse zur Vertreibung der jüdischen Gemeinden aus England und Spanien im Mittelalter mit allen Folgen unsagbaren Elends.

Im biblischen Buch der Klagelieder trauern und klagen die Beter über die Zerstörung des ersten Tempels als Strafe für die Sünden des Volkes. Mit diesen und anderen  Liedern beklagt das jüdische Volk auch die Zerstörung des zweiten Tempels an jedem Tischa B‘Av und bekennt, dass der Verlust seines religiösen Zentrums Ausdruck göttlichen Gerichts ist. Mit den Liedern bringt es sein Elend vor Gott in der Hoffnung, dass sich sein Geschick wendet und auch der Tempel mit seinem befreienden Dienst wieder ersteht. Der Sabbat nach dem 9. Av trägt den Namen „Schabbat Nachamu“, gebildet durch die Anfangsworte von Kapitel 40 des Jesajabuches: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Sie sind Ausdruck der Gewissheit, dass das Ende des Tempels nicht auch das Ende der Beziehung Gottes zu seinem Volk ist.

Als die Evangelien verfasst werden, liegt das berühmte Gotteshaus bereits in Schutt und Asche. Doch so, als würde er das kommende Unheil ahnen, sagt Jesus im Evangelium nach Lukas vor seinem Einzug in die Stadt deren Zerstörung voraus und weint über sie. Er reiht sich in die Klage seines Volkes über das Geschick der Stadt ein. In der Nachfolge Jesu haben dies auch die Kirchen seit dem Mittelalter getan und zum Teil eindrucksvolle Formen der Klage und Trauer gefunden. Ein Beispiel ist ein Bericht des Erforschers der Literatur des Alten Orients Alfred Jeremias. Er bezieht sich auf die Zeit um 1880:

„In den großen Ferien bei den Lausitzer Großeltern war mir jedes Jahr sehr eindrucksvoll die Feier des 10. Trinitatis-Sonntags, der (an Stelle des 9. Av im jüdischen Kalender) zum Gedächtnis der zweimaligen Zerstörung Jerusalems kirchlich gefeiert wird. Im alten Zittauer Gesangbuch stand die ausführliche Erzählung der Zerstörung durch Titus aus dem [antiken jüdischen Schriftsteller] Josephus mit allen haarsträubenden Einzelheiten abgedruckt. Sie wurde vor der Predigt über Lukas 19,40ff. vom Pfarrer verlesen. Die ganze Gemeinde trug Trauerkleidung, und die Kirche war in Schwarz gekleidet wie am Bußtag und Totensonntag.“

Alfred Jeremias hat diesen Bericht mit dem Satz eingeleitet: „Zur Oberlausitzer Frömmigkeit gehörte ein tiefes Mitgefühl mit dem Volke des Alten Testamentes, das seinen Messias, der nun unser Heiland ist, gekreuzigt hat.“ Diese Einleitung bringt in Erinnerung, dass dann, wenn zwei das Gleiche sagen oder tun, es noch immer nicht dasselbe ist. Für Juden hat die Zerstörung des Tempels ihren Grund in der Übertretung des Willens Gottes, wie er in seinen Geboten niedergelegt ist. Für Christen ist sie – das Lausitzer Beispiel ist eins unter vielen – traditionell darin begründet, dass „die Juden“ vermeintlich ihren Messias gekreuzigt haben. Trauer und Klage beziehen sich nicht, wie bei den Juden, auf das eigene Versagen, sondern auf das der anderen Gemeinschaft. Und daran ändert auch nichts, dass das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems am 10. Sonntag nach Trinitatis oft mit einer Warnung an die christliche Gemeinde vor einem ähnlichen Geschick im Fall des Ungehorsams verbunden war.

Die Kreuzigung ist eine römische, keine jüdische Strafe. Die Behauptung einer Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu ist auch deshalb unhaltbar. Auf der christlichen Deutung, „die Juden“ seien schuld an der Kreuzigung Jesu und ihr Geschick sei durch die Zeiten hin eine Strafe Gottes, hat erkennbar kein Segen geruht. Sie hat sich gegen uns Christen selber gewandt und uns auf den Abweg der Verleumdung der Juden und gottwidrigen Hochmuts ihnen gegenüber mit allen schlimmen Folgen geführt. Vor diesem Hintergrund hat in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken auch im Blick auf das Verständnis und die Gestaltung des 10. Sonntags nach Trinitatis begonnen. An die Stelle der Behauptung einer vermeintlichen Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu ist die Erinnerung an die tröstliche Kunde des Apostels Paulus getreten. Im Römerbrief (Kapitel 9-11) hat er klargestellt, dass Gott zu seinen  Gnadengaben an sein Volk Israel steht und dass er ihm in seiner unverbrüchlichen Liebe in Gegenwart und Zukunft die Treue hält. So ist aus dem Sonntag zum Gedenken an die Zerstörung Jerusalems mehr und mehr der Israelsonntag geworden, an dem die Frage eines neuen, konstruktiven Verhältnisses zwischen christlicher und jüdischer Gemeinschaft im Mittelpunkt steht.

Was aber den Tempel angeht, so gibt es bemerkenswerte Unterschiede in seinem Verständnis nicht nur zwischen Juden und Christen, sondern auch unter Juden, und ebenso bemerkenswerte Übereinstimmungen auch zwischen Christen und Juden. So hält das orthodoxe, traditionstreue Judentum unverändert an der Erwartung fest, dass der Tempel einst nach Gottes Ratschluss wieder aufgebaut werden wird. Liberale Juden hingegen haben diese Erwartung seit dem 19. Jahrhundert aufgegeben. Sie bezeichnen die Synagoge als ihren Tempel und messen dem Gedenken an den 9. Av entsprechend geringere Bedeutung zu. Christen wiederum verstehen mit Paulus die Gemeinde Jesu Christi als Tempel Gottes und bekennen demgemäß  mit der Offenbarung des Johannes, dass das kommende Jerusalem keinen Tempel haben wird. In allen genannten Gruppen aber findet sich eine Hochschätzung des Propheten Hosea und seines Gotteswortes: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“  (Hosea 6,6; Matthäus 9,13; 12,7). So treffen sich alle ungeachtet ihrer Unterschiede darin, dass im Zweifelsfall barmherziges Handeln am Nächsten und nicht die Opfer im Tempel dem Willen Gottes entsprechen.

Prof. Peter von der Osten-Sacken