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RSSPrint

Gedanken zur Jahreslosung 2021

 

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lukas 6,36)

 

Liebe Gemeinde,

eine besänftigendes Wort in einer Zeit, in der viele sich aufgeraut fühlen, Menschen, ja Länder weltweit gleichsam einem großen Stresstest ausgesetzt sind. Das zurückliegende Jahr mit den beunruhigenden und traurigen Nachrichten über die Covid-19-Pandemie, mit den wirtschaftlichen und psychologischen Belastungen, die sie mit sich bringt, es war schwierig – und das kommende wird in vieler Hinsicht nicht einfacher. Jedenfalls, optimistisch gesagt, noch eine ganze Weile wird es so sein. 

An dieser Stelle mal etwas Positives. Ich höre viele Berichte auch aus anderen Ländern. Deutschland ist ein großes, plurales Land. Die Entwicklung der Pandemie war und ist dramatisch. Dennoch möchte ich sagen, ich erlebe sehr viel Verständnis, Einfühlsamkeit, Rücksichtnahme, Mitdenken. Es gibt einige, die laut rebellieren, in den Medien sehr hörbar, aber im Grunde eine kleine Minderheit. Vieles lief und läuft aber in der öffentlichen Debatte besser, als die kritischen Stimmen es wahrhaben wollen. Und besser, nachdenklicher und verantwortungsbewusster als in manchen anderen Ländern. Dieser Vergleich ist freilich nicht wesentlich, es geht hier auch wieder nicht darum, sich einfach auf die Schulter zu klopfen und mit dem Finger auf die zu zeigen, die es nicht richtig machen. Meistens im Leben ist es eine gute Idee, sich erstmal auch an die eigene Nase zu fassen.

Was siehst Du den Splitter im Auge Deines Bruders – oder Deine Schwester… und siehst den Balken im eigenen Auge nicht. Auch das ein Grund, barmherzig zu sein. Die Fehler zu sehen, aber nicht in eine Haltung dauernder Kritik und Strafphantasien zu verfallen. 

Die Auschwitzüberlebende und Psychologin Edith Eva Eger hat in ihren Büchern gar das Vergeben als heilsam für Menschen beschrieben, die wie sie schwerstes Leid erlebt haben. Weniger, weil die Taten, die sie erlitten hat, entschuldbar wären. Vielmehr, weil man so die Fixierung auf die Täter und die eigene Opferrolle hinter sich lässt. 

Dass Gott barmherzig ist, ist die im jüdisch-christlichen Denken tief verankerte Sicht. Auch im Vater Unser beten wir ja so. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Hier ist es umgekehrt formuliert. Gott ist barmherzig. Der Vater ist barmherzig – die Mutter – wie auch immer wir Gott sehen und empfinden. Ein positives Bild von Elternschaft, von liebevoller, fürsorglicher Zuwendung. Uns das deutlich zu machen enthält einen tiefen Trost. Gott ist barmherzig, mit Dir, mit mir. Meine Selbstvorwürfe aber auch meine Wut auf andere, Menschen, die mich verletzt haben, die Politik, die nicht das Richtige tut, verantwortungslose Zeitgenossinnen… das frisst uns buchstäblich an. Entlastet, mit klarem Blick – Barmherzigkeit ist keine rosa Brille – können wir unter Anleitung dieses Bibelworts weitergehen. Wir werden in Stand gesetzt, heilsame Wege zu suchen, für uns, für andere, letztlich für das große Ganze.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für das neue Jahr Gottes reichen Segen!

Ihr Roland Wicher